Roadmovie - Mit Geert Mak auf den Spuren John Steinbecks durch Amerika

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ROADMOVIE

Mit Geert Mak auf den Spuren John Steinbecks durch Amerika

Warum reisen wir? Und was macht dann die Reise mit uns? Geert Mak hat ein veritables Roadmovie quer durch Amerika erlebt und aufgeschrieben und gibt sehr persönliche Hinweise, aus denen sich gleichsam eine kleine Philosophie des Reisens herauskristallisieren ließe. Reisen, lesen und schreiben bilden dabei einen spannenden Dreiklang.

„Die Geschichte springt hin und her, wie die Gedanken und Assoziationen von jemandem, der den ganzen Tag am Steuer sitzt: Du fährst durch eine Herbstlandschaft, dann geht dir eine Erinnerung durch den Kopf, eine Stunde später hockst du in einem diner zwischen schweigenden Farmern, der Regen prasselt herab, danach sitzt du in der Abendsonne an einem stillen Fluss und die ganze Zeit über studierst du das Land. Was für ein ansteckendes Buch!“

Von diesem Buch, es ist Die Reise mit Charley des amerikanischen Schriftstellers John Steinbeck, ist Mak so fasziniert, dass es ihn gleich zu zwei eigenen Reisen inspiriert hat. Während seine erste Reise ein Jahr lang kreuz und quer durch Europa führte und sich zu einem Projekt entwickelte, das die Jahrzehnte europäischer Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts nachzeichnet, entstand aus der zweiten, der Amerika-Reise, ein Buch, in dem manchmal ähnliche Stimmungen auftreten, wie sie Mak im Zitat beschreibt.

Als Roadmovie nimmt der Reisebericht in der zeitlichen Dimension zweispurig Fahrt auf: 1960 und 2010. 1960 floh John Steinbeck vor einer Schreibkrise und einer gesundheitlich schwierigen Situation und fuhr mit seinem Pudel Charley auf dem Beifahrersitz in einem „unverwüstlichen Pick up mit Allradantrieb“ los, um sein Amerika zu erkunden. Später wird manchmal auch seine Frau Elaine mitfahren. Woraus erst nur eine Serie von drei Zeitungsartikeln resultieren sollte, wurde schließlich sein letztes großes Werk Die Reise mit Charley. 2010 folgt Geert Mak zusammen mit seiner Frau Steinbecks Spuren. Sie wiederholen Steinbecks Reise, nehmen die gleiche Route. Steinbecks Fahrt dauerte etwa elf Wochen, Mak wird ein halbes Jahrhundert später vergleichbar lang unterwegs gewesen sein. Angespornt durch die Suche nach Antworten: „Das nahe und ferne Amerika war überaus prägend für uns Europäer. Und trotzdem: Was wissen wir eigentlich über dieses Land? Und was wissen wir nicht? Was war echt, was Schein, was Mythos? Und was bringt die Zukunft, jetzt, wo das glorreiche amerikanische 20. Jahrhundert vorbei ist? Wie geht diese Nation ins 21. Jahrhundert? Bleiben die Amerikaner wegweisend für uns? Ich beschloss zu fahren. Ohne allzu große Erwartungen, mit offenen Augen und einem leeren Kopf, nur für mich selbst.“ Der Leser fährt mit im Jeep über Highways und Interstates, hört Radio, sieht tote Tiere am Straßenrand, ist stets informiert über das aktuelle Wetter. Wie nebenbei erfährt man auch, warum das weitläufige amerikanische Eisenbahnnetz zugrunde ging und statt dessen eine bewusste Entscheidung für Auto und Straße getroffen wurde.

„Wir fahren.“ Dieser immer wiederkehrende kleine Satz ist auch ein methodisches Element, das die komplexen Informationen des Buches zusammenhält. Neugierig und gespannt erwartet man die nächste Station der Reise. Denn in einer alltäglichen Beobachtung, einem aktuellen Erlebnis, einem Gespräch werden Erzähl-Anlässe gefunden – sei es für historische Exkurse, sei es für kulturelle, soziologische und politische Entwicklungen oder Anmerkungen zur Bedeutung des Christentums in Amerika.

Reminiszenzen an John Steinbeck bilden einen eigenen Spannungsbogen.   Biographisches wird nachgezeichnet, Einblick in einige seiner Bücher gewährt. Und das Verhältnis von Fiktion und Realität in seinem Werk beleuchtet. Als Journalist und Historiker ist Geert Mak besonders aufmerksam für diese Thematik und er schlussfolgert: „ … als nichtfiktionalen Text kann man die Reise mit Charley nicht mehr ernst nehmen. Das Buch ist also eigentlich ein großartiger Roman.“ Hier wird der Unterschied zu Maks Amerika-Buch deutlich, der oft sein eigenes journalistisches Vorgehen beschreibt, Recherchearbeit dokumentiert, in ganz erstaunlicher Weise immer wieder Statistiken sehr anschaulich sprechen lässt. Selbst das kommentierte Literaturverzeichnis im Anhang ist noch ein Lesegenuss.

Dabei hätte zu Beginn der knapp 600 Seiten die Fülle an Details, die man sich sowieso nie merken würde, auch abschrecken können. Allerdings begeistert im niederländischen Original sogleich die wunderbare Sprache. Und in der deutschen Übersetzung wurde der Ton getroffen, das ist angenehm. Das Titelbild der sorgfältig gestalteten deutschen Ausgabe, eine durch eine unendlich weite Landschaft immer geradeaus führende Straße, illustriert das Roadmovie. Innen im Cover findet sich  eine Landkarte der USA, auf der die Stationen der Reise eingezeichnet und nachvollziehbar sind. Es wäre ein Verlust, sich nicht mit auf die Lese-Reise zu begeben. Eine zusammenfassende Inhaltsangabe ist dabei kaum möglich. Die Faszination geht aus von der Kunst, persönliche Erfahrung und objektive Mitteilung nebeneinander zu stellen, und von der Betrachtungsweise aus verschiedenen Perspektiven, ohne dabei beliebig zu werden. Zwar postuliert Mak „Verallgemeinerungen führen in die Irre“, doch scheut er sich nicht, Schlussfolgerungen zu ziehen und eigene Beurteilungen zu benennen. Aktuelle Artikel über die USA wird man nach dieser Lektüre bewusster lesen, und manchmal kommt dabei vielleicht eine Geschichte von Mak in den Sinn.

Der Siedler Verlag hat nach dem großen Erfolg u.a. des Amerika-Buches, einen älteren Titel des Autors in deutscher Übersetzung als Taschenbuch vorgelegt. Geert Mak: Wie Gott verschwand aus Jorwerd. Der Untergang des Dorfes in Europa. Der Gegensatz könnte scheinbar größer nicht sein. Dort der halbe amerikanische Kontinent, hier ein Dorf in Friesland. Jorwerd. Man taucht ein in die Geräusche und Farben und Gerüche des Dorfes. Die Aufmerksamkeit wird auf das Leben einzelner Einwohner gelenkt, ihre persönlichen Entscheidungen und die Abhängigkeit von politischen Entscheidungen. Abgrenzung und Wechselwirkung zwischen dörflichem und städtischem Leben werden geschildert. Am Beispiel der soziologischen Entwicklung und Geschichte Jorwerds entfaltet sich das Schicksal des Dorfes europaweit. Vom methodischen Ansatz her liest sich der Band wie eine Vorstudie zum Amerika-Buch. Inhaltlich liegt hier ein noch zu entdeckendes Juwel vor.

Von Carina Becker, Aachen

Geert Mak: Amerika! Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Siedler Verlag München 2013

Geert Mak: Wie Gott verschwand aus Jorwerd. Der Untergang des Dorfes in Europa, Pantheon-Ausgabe Juni 2014 (Siedler Verlag 1999)

Geert Mak: In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert, Siedler Verlag München 2005

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